clips, ideen 2010
Er ist anders in einer Stadt, in der Anderssein per se provokativ ist. Doch unter dem ungewöhnlichen
Outfit steckt eigentlich ein Friseur, der das Gleiche will, wie viele seiner Kollegen: berühmt werden.
Und dafür einen anderen Weg geht. CLIPS-Redakteur Rüdiger Schmitt stellt einen Menschen
(und seinen Salon) vor, dessen mutige Eigenwilligkeit zur Nachahmung anstiftet.
Der Name. Er hat einen unglaublich „normalen“, ja fast schon spießigen Namen: Christian Bürger. Früher war es so,dass ein Name zugleich Auskunft über den Menschen gab. Wenn man sich aber dann vor Augen hält, dass man zum eigenen Namen praktisch wie die Jungfrau zum Kind gekommen ist, muss man sofort
aufhören, etwas in den Namen einer Person hineinzuinterpretieren. Aussagekräftiger ist da schon der Name, den Christian Bürger vor fünf Jahren seinem Friseursalon gab: „schönschräg“ (in einem Wort). Der Salon schönschräg liegt in Wiesbaden in der Georg-August-Zinn-Straße, auf der Rückseite des Ibis-
Hotels. Das ist in der Innenstadt genau zwischen den beiden renommierten Wiesbadener Hotels Nassauer Hof und Schwarzer Bock. Das muss man für Ortsunkundige erwähnen, denn in dieser Gegend isst der Wiesbadener Snob beim Straßenfest auf der „Rue“ den Hummer vom Pappteller und schlürft den teuren
Rheingauer Winzersekt dazu. Inmitten dieses elitären Bermudadreiecks residiert schönschräg. Hier in der Nähe zum Park des Kurhauses ist nicht nur der Snob zu Hause, sondern auch der unausrottbare Gutmensch, der jene Mitbürger, die gepierct und ganzkörpertätowiert dahinschreiten, allein aufgrund ihres Aussehens
schon einmal eines kriminellen Delikts verdächtigt. Und so braucht Christian Bürger zuweilen auch ein dickes Fell, um bei so viel zwischenmenschlicher Toleranz sein Anderssein zu Markte zu tragen.
Das Anderssein. Eigentlich bin ich nicht bei Christian Bürger in seinem Salon schönschräg, um darüber zu sprechen,weshalb die Wiesbadener spießiger sind als Kölner oder Berliner, aber vielleicht nicht so spießig wie andere Kleinstädter oder Dörfler. Doch man kommt zwangsläufig darauf. Wegen des Geschäftsnamens, wegen des Auftretens von Christian, wegen der Tatsache, dass ja doch immer wieder darüber geredet wird, dass Kunden zu ihm kommen und sagen: „He! Ich bin ja schon vorgewarnt worden, aber du bist ja doch ganz normal.“ Was ist normal? Eigentlich will Christian Bürger nur eines sein: erfolgreicher Friseur. Aber eben auf seine Weise. Der 32-Jährige hat viele Salons in Deutschland kennen gelernt, in Alzey gelernt (Holz), ist auf die Walz gegangen, hat seinen Meister gemacht, dann in Berlin und Mannheim bei zahlreichen,
namhaften Salons gearbeitet (z. B. bei headhunter, mod’s hair, Maik Baber, new hair oder der Notaufnahme). Dann ist er ausgerechnet in der hessischen Landeshauptstadt gelandet, um hier einen „Kombinationsladen“ aufzumachen, wie er ihn selbst nennt, einen Salon, der „schönschräg“ heißt, in dem es Mode zu
kaufen gibt, in dem der Kunde gute Haarschnitte bekommen kann, in dem sich die Widersprüche der Stadt widerspiegeln. In 2009 bekam Friseurunternehmer Bürger den hessischen Förderpreis „Ab in die Mitte“ verliehen, mit dem das Engagement von Menschen ausgezeichnet wird, die die Innenstädte beleben helfen.
Wie das geht, zeigte Bürger dann zum Beispiel im vergangenen Mai, als er zum fünfjährigen Jubiläum des Ladens zu einer Kulturwoche einlud.
Da gab es dank diverser Partner zum Beispiel Angebote für Yoga, einen Pianoabend, hausgemachte Leckereien, Rohstoff-Schmuck, fernöstliche Wellness, einzigartige Handtaschen sowie von der Fauna inspirierte Kollektionen von Labels, die „Holladiewaldfee“ heißen. Sprich: Konsumangebote, die sich alle unter dem Ungewöhnlichen zusammenraufen.
Das Ungewöhnliche. Der Salon präsentiert sich schon beim Eintreten designorientiert und auf das Wesentliche reduziert. Sauber, weiß getünchter Beton, schwarze Friseurarbeitsplätze, weiße Pflegeprodukte, schwarz-weiß-kontrastierte Kunst an den Wänden (aus der jüngsten Vernissage „illustration against
hatred“), weißer Warte- und Sitzbereich. Die Farbtupfer ergeben sich durch die Designerkleidung und die Modeaccessoires, die er führt, durch die „Versagerbuttons“, die man hier kaufen
kann, die Frühstücksbrettchen, das Zeha- Schuhwerk oder den tischähnlichen Zeitschriftenstapel von Fix und Foxi bis Vogue, der die eventuelle Wartezeit verkürzt. Bis 22 Uhr hat er von Montag bis Freitag auf, entweder ab 9 oder 11 Uhr, samstags bis 18 Uhr – oder eben nach Vereinbarung.
Angefangen hat er ganz alleine, heute arbeiten insgesamt acht Angestellte mit ihm im Salon. Rund 80 Prozent des Umsatzes kommt aus dem Salon, 20 Prozent aus dem Mode-Verkauf. Der sei mit enormem Aufwand verbunden, gibt Bürger zu. Schließlich bedeute der Kombinationsansatz, dass er gleich in zwei Branchen den notwendigen Innovationsbedarf abdecken, Messen und Showrooms besuchen müsse. Der
zusätzliche Service sei vielleicht betriebswirtschaftlich nicht so lukrativ, aber er sehe es als Service für die
Kunden.
Das Mainstream-Denken ist Christian Bürger eben nun mal fremd. Auch in der (Kleider)mode: „Wir wollen die Kunden, die sich in puncto Lifestyle vom Mainstream absetzen wollen“, sagt Bürger und verweist auf die zahlreichen Events und Kooperationen, die er schon durchgeführt hat und deren eindrucksvolle Zahl sich dem erschließt, der einmal auf die Website von schönschräg klickt. Eine Stadt sieht doch aus wie die andere, sagt Bürger, das beklagen zwar alle, aber sie würden dann doch wieder in die Shopping
Mall einkaufen fahren. „Wann kaufst du das nächste Mal in so einem Laden wie dem meinen?“, fragt Bürger. Man müsse bereit sein, dafür zu zahlen, wenn man aus dem Mainstream ausbrechen wolle.
Das Friseursein. Christian Bürger ist bewusst anders, aber aus Überzeugung, nicht weil er es als geschäftliche Idee pflegt, die er nicht leben würde. Indes: schönschräg steht für das Geschäftskonzept, nicht für die Friseurdienstleistung. „Im Handwerk muss Tradition bestehen bleiben“, sagt Christian Bürger (!). So einen Satz traut man eher dem Verbandspräsidenten aus der bayrischen Provinz zu als einem enfant terrible, der hinter der hessischen Staatskanzlei residiert.
Aber er meint das so. Im Salon schönschräg ist die Wahrscheinlichkeit, einen richtig guten, individuell beratenen Haarschnitt zu bekommen, höher als in einem der Mainstream-Konkurrenz, meint Friseur Bürger. Das zeigen auch seine bisherigen Kollektionen und Covershots, die – obwohl anders – doch einfach gefällig
sind. schönschräg bedeutet nicht zwangsläufig schräge oder hippe Frisuren, ganz im Gegenteil, wird er nicht müde zu betonen. „Weil wir so heißen, werden wir ständig auf die Probe gestellt“, sagt Bürger „und wir müssen deshalb ein noch höheres Niveau halten.“ Gleichzeitig propagiert schönschräg nicht den Exhibitionismus, der derzeit en vogue ist. Will heißen, im schönschräg sitzen die Kunden nicht im Schaufenster Hier kann keiner von außen reinglotzen und die Kunden mit der Folie im Haar sitzen sehen. Ein WSF von 46 Euro für die „mädels“ und von 32 Euro für die „jungs“, „foliensträhnen ganzer Kopf“ ab 59 Euro zeigen, dass Christian Bürger sich für qualitativ hochwertige Arbeit und nicht für schnelle, trashige oder laute Massenabfertigung entschieden hat. Insofern ist Christian Bürger eigentlich wie viele tausend andere Friseure in Deutschland. Eher hochpreisig, beratungsintensiv, serviceorientiert, individuell auf den Kunden eingehend, „Trend ist hilfreich, aber nicht alles“, sagt Friseur Bürger. Doch was anders ist als bei anderen, erkennt jeder, der seine Selbstbeschreibung auf der Website anschaut. Da schreibt Christian Bürger: „überzeugen sie sich selbst und haben sie keine angst“, „es geht auch ganz normal“, „für jeden“. Es geht auch normal, okay. Doch was treibt ihn an, den Christian Bürger, wo will er hin, wem will er noch etwas
beweisen? Das Geld für seinen ersten Salon hatte er von seiner Mutter (es gab natürlich keine Bank, die erkannt hätte, dass sein Konzept mehr Esprit hat als die Masse) und der nächste Step ist, das vom Unternehmensberater anvisierte Umsatzziel zu erreichen. Das ist schon fast gewöhnlich, aber wichtig um zu beweisen, ich packe das, woran andere schon gescheitert sind (wie zum Beispiel in Berlin, wo die ersten Kombiläden wieder verschwunden sind).
Aber da ist noch mehr. Im Gespräch mit mir sagt er ganz einfach: „Ich will berühmt werden. Nicht mit dem Konzept, sondern ich.“ Das gefällt mir, weil das unheimlich viele denken, aber kaum einer sich traut es zu sagen. Und weil Christian Bürger eigentlich gar nicht so aussieht wie jemand, der berühmt werden
will. Wer sein Konzept nachahmen wollte, es kopieren wollte, versteht nicht, worum es geht. Aus dem Mainstream ausbrechen zu wollen, lässt die Multiplikation nicht zu. Sein eigenes Ding zu machen, ist indes allemal nachahmenswert.
Aber dafür haben die Wenigsten den Mut. Die Meisten machen „nur“ Friseur. Aber das ist – mit Verlaub – heute einfach zu wenig.
Rüdiger Schmitt
www.clips-verlag.de
redaktion@clips-verlag.de

